Medikamente gegen Alzheimer

Rückschläge verzögern die Entwicklung

Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 07. August 2019

Gleich mehrere Arzneimittel-Studien zu Alzheimererkrankungen sind in den letzten Monaten abgebrochen worden. Die Risiken seien größer als die Erfolgsaussichten, so die Begründung. Damit wird die Liste der Rückschläge erneut länger. Einige Forscher kritisieren, man habe bisher auf das falsche Pferd gesetzt.

Von Lukas Kohlenbach

Ana Graf ist die Ernüchterung anzuhören. Die Leiterin des weltweiten NeuroScience-Programms beim Pharmariesen Novartis hatte große Hoffnungen in einen neuen Alzheimer-Wirkstoff namens Umibecestat gesetzt. Doch nun haben sie sich in Luft aufgelöst.

„Wir haben das Studienprogramm abgebrochen, weil die Analyse der Daten zeigte: Das Risiko der Behandlung ist größer als der Nutzen für die Probanden. Und das hat vor allem damit zu tun, dass sich die kognitiven Fähigkeiten teils messbar verschlechtert haben.“

Nicht nur, dass das potenzielle Alzheimer-Medikament Umibecestat in großen klinischen Studien keine Wirkung zeigte. Mitunter beeinträchtigte der Wirkstoff die Hirnfunktionen der Probanden sogar. Beide laufenden Studien mit Umibecestat wurden deshalb sofort beendet.

Die Liste der Rückschläge wird länger

Die Liste der Rückschläge wird damit erneut länger. Denn auch andere Hoffnungsträger scheiterten kurz vor der Zulassung. Ihre Namen: Bapineuzumab, Solanezumab, Crenezumab und Aducanumab. Die Forscher sind ratlos, warum aussichtsreiche Substanzen gegen Alzheimer am Ende doch nicht die erhoffte Wirkung zeigen.

„Leider wissen wir das noch nicht. Weder wir hier bei Novartis, noch die anderen Fachleute auf dem Gebiet. Aber wir arbeiten daran, die Ursachen zu verstehen. Wir wollen herausfinden, wie es zu diesen Ergebnissen kam.“

Nur vier Medikamente haben es bisher auf den Markt geschafft

Nach Angaben des Verbands der amerikanischen Pharmaunternehmen scheiterten von 1998 bis 2017 146 Ansätze, um Alzheimer zu behandeln. Nur vier Medikamente schafften es auf den Markt. Und die können lediglich die Symptome der Erkrankung lindern, Alzheimer heilen können sie nicht.

Dabei hatte Barack Obama 2012 verkündet, bis zum Jahr 2025 solle Alzheimer besiegt sein. Doch sieben Jahre später ist die Menschheit keinen Schritt weiter im Kampf gegen das schleichende Vergessen. Die forschenden Unternehmen haben Milliarden durch den Abbruch der teuren Studien verloren. Der Pharmariese Pfizer zog 2018 die Konsequenz und stellte alle eigenen Alzheimer-Forschungsprojekte ein. Über einen Risikokapitalfond investiert das Unternehmen aber weiter in die Entwicklung innovativer Behandlungsansätze.

Es ist eine erhebliche Ernüchterung eingetreten

„Zunächst muss man sagen, ist das Engagement der Industrie im Alzheimer-Bereich recht hoch. Die meisten großen Pharmafirmen und viele kleine haben Alzheimer-Programme schon seit vielen, vielen Jahren. Jetzt ist allerdings eine doch erhebliche Ernüchterung eingetreten. Ich glaube nicht, dass die Industrie sich grundsätzlich aus dem Feld zurückzieht.“

Frank Jessen ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln und einer der führenden Alzheimer-Forscher in Deutschland. Viele der zuletzt gescheiterten Medikamente hätten zwar eine Wirkung gezeigt, sagt er, sie sei aber einfach zu gering gewesen.

Genau wie das Novartis-Präparat Umibecestat, das mehr schadet als nutzt, setzen diese Wirkstoffe an dem Protein Amyloid-ß an. Bei Alzheimer-Patienten liegt es in einer fehlgefalteten Struktur vor und lagert sich im Gehirn zu sogenannten Plaques zusammen. Die in der Entwicklung befindlichen Wirkstoffe verhindern entweder die Bildung von Amyloid-ß oder greifen dieses direkt an.

Juraj Kukolja, Professor an der Universität Witten/Herdecke bezweifelt inzwischen allerdings, dass die Forschung damit auf dem richtigen Weg ist.

„Man fragt sich im Moment: Ist das überhaupt das richtige Konzept“

„Das hat zwar an sich funktioniert, also die Plaques wurden weniger. Aber die Erkrankung schritt weiterhin fort und man fragt sich im Moment: Ist das überhaupt das richtige Konzept? Oder sind diese Amyloid-Peptide nur ein Nebenprodukt der Alzheimer-Erkrankung? Und sind gar nicht so sehr die Ursache der Neurodegeneration, die wir beobachten.“

Die Pharmafirmen müssen nun umdenken und die Forschung an alternativen Therapieansätzen intensivieren. Ein anderes fehlgefaltetes Protein, das sogenannte Tau-Protein, könnte ein neuer Angriffspunkt sein. Genau wie das Amyloid-ß tritt es bei Alzheimer-Patienten häufiger auf als bei gesunden Menschen.

„Es gibt jetzt Untersuchungen, ob die Beseitigung von Tau-Proteinen helfen kann bei der Alzheimer-Erkrankung. Das ist eine Möglichkeit.

Die andere ist, dass man andere pharmakologische Möglichkeiten auslotet, die Funktion der Nervensysteme, der neuralen Netzwerke zu verbessern.“

Heutzutage besteht die Alzheimer-Therapie lediglich darin, die Ausschüttung von Acetylcholin im Gehirn zu steigern – ein Botenstoff, der wichtig ist für Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Die Symptome werden dadurch zwar etwas gelindert, doch die Krankheit schreitet weiter fort.

„Jetzt schaut man ob weitere Botenstoffe ebenfalls verändert werden können, deren Wirkung verbessert werden kann, um die Alzheimer-Erkrankung zu beeinflussen.“

Weltweit laufen derzeit 247 Studien zu Alzheimermedikamenten

Weltweit laufen laut der Studiendatenbank „clinicaltrials“ derzeit 247 klinische Arzneimittel-Studien zu Alzheimermedikamenten. 53 davon sind Studien der letzten Phase der Erprobung vor der Zulassung. Doch der Großteil dieser Phase-3-Studien untersucht noch Wirkstoffe, die am Amyloid-ß-Protein ansetzen. Da diese Wirkstoffklasse die Erwartungen bislang nicht erfüllte, sind weitere Rückschläge nicht ausgeschlossen.

In einer frühen Phase der Entwicklung hingegen finden sich Ansätze, die gegen die Neuroinflammation bei Alzheimer wirken sollen. 

„Man beobachtet, dass im Gehirn von Alzheimer-Patienten eine gewisse entzündliche Aktivität oder Veränderung stattfindet. Dass Entzündungskaskaden aktiviert werden und möglicherweise liegt darin der Schlüssel zur Behandlung der Alzheimer-Erkrankung.“

Die staatlichen Fördermittel für die Alzheimer-Forschung sind in den letzten Jahren sowohl in den USA wie auch in Europa stetig angestiegen.

Aktuell keine Aussicht auf Heilung

Doch um ein Medikament in den Markt zu bringen, müssten alle Fördermittel nur für eine Substanz aufgewendet werden. Dieses Risiko kann kein Staat der Welt eingehen. Das Engagement der Pharmafirmen ist also weiter gefordert. Und Frank Jessen von der Uniklinik Köln ist optimistisch, dass die das Feld trotz der Verluste der vergangenen Jahre nicht brach liegen lassen. Dafür sei Alzheimer eine viel zu bedeutende Erkrankung.

„Also wir sehen vielfältige Aktivität. Aber tatsächlich muss man sagen: Die nächsten Jahre wird es wahrscheinlich kein neues Medikament für Patienten geben!“

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