„Jeder muss sein Bestes geben“

Abdullah Sari, aufgewachsen in Chorweiler, spricht über sein Engagement gegen Radikalisierung von jungen Muslimen

Kölner Stadt-Anzeiger, 20. April 2017

Wie kann Integration gelingen? Kaum eine andere Frage beschäftigt die Deutschen, ja ganz Europa im Superwahljahr 2017 mehr. Während die einen Ängste schüren und düstere Zukunftsperspektiven heraufbeschwören, denken andere über Strategien und Konzepte nach, diese Herausforderung zu meistern. Ein vielleicht kleiner, aber wichtiger Baustein könnte dabei das 2012 gegründete Avicenna-Begabtenförderwerk sein. Es fördert muslimische Studierende, die hervorragende Studienleistungen erbringen und darüber hinaus sich mit viel Einsatz in die Gesellschaft einbringen. Als jüngstes der 13 staatlichen Begabtenförderwerke könnte es damit in den nächsten Jahren zu einem wichtigen Instrument für gelingende Integration werden. Abdullah Sari, 22 Jahre, ist einer der noch wenigen Studierenden, die bereits vom Avicenna-Studienwerk gefördert werden. Gemeinsam mit den „Junge Zeiten“-Autoren kommt er ins Gespräch über sein Stipendium, seine Religion und Herausforderungen der Integration.

Abdullah, herzlich willkommen! Seit wann bist du Stipendiat des Avicenna-Studienwerks?

Vielen Dank. Seit April 2016.

Wie bist du dazu gekommen, dich zu bewerben?

Mein Vater ist auf das Werk aufmerksam geworden. Er hat mich dazu motiviert.

Abdullah studiert Englisch und Philosophie auf Lehramt an der Universität zu Köln. Er ist in Köln geboren und aufgewachsen in Köln-Chorweiler. In Köln-Pesch hat er das Gymnasium besucht und ein sehr gutes Abitur abgelegt. Heute wohnt er in einem Studentenwohnheim.

Viele kennen Chorweiler nur als Brennpunkt-Gegend. Wie hast du Chorweiler in deiner Kindheit wahrgenommen?

Ich habe Chorweiler schon als Brennpunkt erlebt. Ich würde mir wünschen, meine Eltern müssten heute nicht mehr dort wohnen. Aber ich habe auch unheimlich viel Positives dort erfahren. Meine Mutter hat mit ihren Freundinnen, türkischen Hausfrauen aus der Nachbarschaft, ein unheimlich starkes Netzwerk geknüpft. Wenn meine Mutter zum Beispiel krank war, war es selbstverständlich, dass eine Nachbarin für uns Kinder mitgekocht hat. Das starke Netzwerk ist der Grund, warum meine Eltern nicht aus Chorweiler wegziehen.

Welcher Ort war für dich in deiner Kindheit und Jugend besonders wichtig?

In meiner Familie habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. In der Jugend habe ich mich dann einem Gesprächskreis in der Fatih-Moschee in Nippes angeschlossen, in dem ich mich mit den anderen Teilnehmern besonders gut verstanden habe. Hier habe ich mich wohler gefühlt als in der Schule.

Direkte und offene Diskriminierung hat Abdullah persönlich in der Schule nicht erfahren, sagt er.  Doch sei er zum Beispiel heftig angefeindet worden, wenn er sich mit seinen Freunden in der Schule nicht auf Deutsch, sondern auf Türkisch unterhalten hat. Die Gemeinschaft in der Fatih-Moschee schätzt der bekennende Sunnit sehr. Die Moschee-Gemeinde in Nippes erlebt er als weltoffen, so wie die überwiegende Mehrzahl der Gemeinden, die er kennen gelernt hat.

Kennst du auch Gemeinden, in denen Jugendliche radikalisiert und für den Dschihad geworben werden?

Meist sind es nicht die Gemeinden an sich, die zur Radikalisierung beitragen, sondern einzelne Personen, die sich Jugendliche gezielt herausfischen und rekrutieren. Natürlich tritt das an manchen Orten gehäufter auf als an anderen.

Abdullah und seine Freunde aus dem Gesprächskreis in der Moschee-Gemeinde in Nippes haben zur Gründung des Vereins „180 Grad Wende“ beigetragen, in dem sich Abdullah noch heute engagiert. Der Verein setzt sich für die Prävention von Radikalisierung Jugendlicher ein.

Wie kommt es dazu, dass sich junge Muslime radikalisieren?

Ein wichtiges Thema, mit dem Islamisten Jugendliche für sich gewinnen, ist Diskriminierung. Wenn sich junge Muslime diskriminiert fühlen, wird es kritisch. Da können sie emotional angreifen und sagen: Schau mal, hier wirst du doch gehasst! Möchtest du nicht lieber zu Leuten gehen, die dich lieben? Muslime nennen sich gegenseitig häufig Geschwister. Durch die Islamisten wird dann ein Gegensatz geschaffen zwischen muslimischen Geschwistern und den Leuten, die einen hassen.

Unser Gespräch wendet sich dem Thema Migranten und Integration zu. Abdullah berichtet, wie schwer es seinem eigenen Großvater gefallen ist, Deutsch zu lernen, weil der Deutschkurs, den er besuchen wollte, nicht regelmäßig stattgefunden habe. Doch hatte die Arbeitergeneration, der sein Großvater angehörte, auch zunächst gar nicht die Absicht, weiter in Deutschland zu leben. In Hinblick auf die Integrationsperspektiven junger Flüchtlinge in Deutschland heute ist Abdullah optimistisch.

Was stimmt dich hinsichtlich der Integrationsperspektiven junger Flüchtlinge optimistisch?

Weil ich viel Positives aus meinem Umfeld mitbekomme, bin ich optimistisch. Die täglichen Nachrichten vermitteln uns das Bild, dass immer mehr Fremdenfeindlichkeit und Abkapselung herrscht. Doch ich denke: Jeder muss sein Bestes geben und dann wird es funktionieren. Ich kann nicht über die Zukunft philosophieren, wenn ich nach den alten Strukturen weiterlebe. Ich muss einen Schritt machen. Daher gehe ich in Schulen mit Klassen von Deutschen und Nicht-ursprünglich-Deutschen. Ich muss mit ihnen sprechen über Rassismus, über die NS-Zeit, über den NSU, genauso wie über Dschihadismus. Und genau so muss ich sie fördern, miteinander zu leben, weil ich ihnen zeige, dass das alles kein gutes Ende hat.

Hat sich dein Leben in Deutschland seit dem Aufkommen der Pegida-Demonstrationen verändert?

Nein, hat es nicht. Im Gegenteil: In den letzten Jahren habe ich in meinem Umfeld eher noch mehr Liebe erfahren.

Hast du persönlich Hass oder Anfeindungen erlebt?

Ich persönlich nicht, aber ich habe Diskriminierung von Flüchtlingsfamilien oder aber auch meiner Mutter mitbekommen.

Zum Schluss möchten wir noch einmal auf deinen Stipendiengeber, das Avicenna-Studienwerk zu sprechen kommen. Was bedeutet es für dich, Avicenna-Stipendiat zu sein?

Durch die ideelle Förderung habe ich Studierende aus ganz Deutschland kennengelernt, die sich mit den gleichen Themen auseinandersetzen, wie ich. Das ist ein tolles Netzwerk. Ich erfahre auch viel Unterstützung durch das gute Mentoring. Die finanzielle Förderung ermöglicht es mir, dass ich neben dem Studium nicht arbeiten muss.

Wie ist die ideelle Förderung gestaltet?

Wir besuchen Seminare und Wochenendveranstaltungen, die häufig auch durch die Stipendiaten selbst organisiert werden. Außerdem war ich auf einer Sommerakademie in Spanien, in Granada. Da habe ich viel gelernt und viele interessante Orte besucht. Außerdem knüpfe ich wichtige Freundschaften.

Wie würdest du die Bedeutung des neuen Studierendenwerks für die Integration in Deutschland jetzt und auch in Zukunft sehen?

Viele unsere Stipendiaten haben einen Migrationshintergrund und Integration liegt uns sehr am Herzen. Da machen wir auch viele Projekte. Ein Projekt heißt „Unsere Zukunft. Mit dir!“ Darin arbeiten wir gemeinsam mit anderen Stipendienwerken. In dem Projekt geht es konkret um Flüchtlingshilfe und Integration von Geflüchteten.

Muss ich als Avicenna-Stipendiat streng gläubig sein und fünfmal am Tag beten?

Man muss das religiöse Profil erfüllen: Das kann heißen, dass man zum Beispiel in einer muslimischen Gemeinde aktiv ist, oder aber auch, dass sich das Studium oder das gesellschaftliche Engagement, also einfach ein wichtiger Teil des Lebens, mit dem Islam befasst.

www.avicenna-studienwerk.de

http://180gradwende.de

Lukas B. Kohlenbach

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